Medienspiegel vom 30.07.2014

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Medienspiegel vom 30.07.2014

Beitragvon prom » Do Jul 31, 2014 7:07 am

Medienspiegel vom 30.07.2014

"Die Zeit - online"

http://www.zeit.de/2014/30/banken-ausland-exotisch

Hauptsache, hohe Zinsen

Die Deutschen legen ihr Geld wieder in Massen bei exotischen Banken an.
Die Banco Espírito Santo in Portugal ist nur eine von vielen.

Vergangene Woche begann für etwa 200 deutsche Sparer plötzlich das Zittern. Sie sind Kunden der Banco Espírito Santo, eines portugiesischen Geldinstituts, das seit Kurzem auch hierzulande mit aggressiven Zinsversprechen um Einlagen wirbt. Zwei Prozent gibt es derzeit zum Beispiel für den, der 10.000 Euro für ein Jahr fest anlegen will. Da kann man in Zeiten niedrigster Zinsen schon mal schwach werden. Dem Vernehmen nach haben die Deutschen der Bank in nur wenigen Wochen ein paar Millionen Euro anvertraut.

Nun aber kursieren Berichte über eine Schieflage des Konzernverbunds, zu dem die Banco Espírito Santo gehört. Das ließ vergangene Woche Sorgen über die Stabilität des Instituts selbst aufkommen, viele Investoren gerieten in Panik, zeitweise brach die Aktie massiv ein. Der Vorfall erschütterte die Börsen in Europa, zwischenzeitlich sah es so aus, als kehre die Euro-Krise zurück. Und die deutschen Anleger der Banco Espírito Santo? Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sich die Lage beruhigt. Anfang dieser Woche zog das Institut auf Druck der portugiesischen Zentralbank einen ohnehin geplanten Führungswechsel vor, dennoch fiel der Aktienkurs erneut.

Ein Einzelfall? Nein. Erst vor wenigen Wochen war die Lage für mehr als 2.000 deutsche Sparer noch dramatischer. Sie haben ihr Geld – insgesamt rund 50 Millionen Euro – bei der bulgarischen Fibank liegen. Diese wäre Ende Juni beinahe kollabiert. Damals machten Gerüchte über eine bevorstehende Pleite die Runde. Die Folge war ein Ansturm bulgarischer Kunden, die ihre Ersparnisse abheben wollten, weil sie fürchteten, ihr Geld sei nicht mehr sicher. Binnen weniger Stunden zogen sie umgerechnet rund 400 Millionen Euro ab. Erst als die Regierung in Sofia mit einem Milliardenkredit einschritt, endete der Spuk. Andernfalls hätte den deutschen Sparern womöglich ein neuer "Fall Kaupthing" geblüht.


Tatsächlich betreiben Institute wie die Fibank oder die Banco Espírito Santo das gleiche Geschäftsmodell wie die 2008 kollabierte isländische Bank Kaupthing: Sie sammeln hierzulande Sparguthaben ein, ohne deutschen Sicherungssystemen anzugehören. Gut 30.000 Menschen zitterten damals um ihr Erspartes, weil die deutsche Einlagensicherung nicht zuständig war und ihr isländisches Pendant zunächst jegliche Zahlungen verweigerte. Erst nach Monaten und nur unter dem Druck der deutschen Bundesregierung ( ??? ) floss Geld an die Anleger. Kaupthing war ein Schock. Doch dieser hielt nicht lange an, wie Daten der Deutschen Bundesbank zeigen: Seit 2011 steigen die Sparguthaben von Privatpersonen bei Banken, die der deutschen Einlagensicherung fernbleiben, wieder drastisch an. Mehr als 60 Milliarden Euro waren es am Ende des vorigen Jahres – und damit rund fünfmal so viel wie zum Zeitpunkt des Bankrotts von Kaupthing. Allein in den vergangenen zwei Jahren stiegen die Einlagen der "neuen Kaupthings" um insgesamt gut 35 Milliarden Euro. Die Sparkassen und Volksbanken konnten im selben Zeitraum jeweils nur um rund 25 Milliarden Euro zulegen.

Angesichts solcher Zahlen stellen sich zwei Fragen. Erstens: Ist das noch Sparen – oder bereits Spekulation? Und zweitens: Was sollen Anleger tun, die eine ordentliche Verzinsung anstreben – aber trotzdem sicherstellen wollen, dass ihre Sparguthaben nicht in Gefahr geraten?

Wer das Phänomen der "neuen Kaupthings" verstehen will, braucht nur die einschlägigen Rankings im Internet zu studieren, die die besten Angebote für Tages- und Festgeld auflisten. Zuletzt boten dort häufig die Fibank und die Banco Espírito Santo die höchsten Zinsen, gefolgt von anderen Instituten, deren Namen die meisten vorher noch nie gehört haben dürften: DenizBank, VTB Direkt oder Bigbank. Die Deutsche Bank, die Postbank oder die Commerzbank sucht man in diesen Ranglisten meist vergebens, ebenso die Sparkassen und Volksbanken. Wer bei Google "Festgeld" und "Vergleich" eingibt, landet nach zwei bis drei Klicks fast automatisch bei den eher exotischen Häusern.

Nun hat es freilich noch nichts mit Zockerei zu tun, sich im Internet nach lukrativen Angeboten für Tages- oder Festgeld umzusehen. Im Gegenteil, die meisten Verbraucherschützer raten ausdrücklich dazu. Es ist legitim und rational, aus seinem Geld mehr machen zu wollen, vor allem seit die Europäische Zentralbank die Zinsen gen null gesenkt hat und Deutschland als sicherstes Land der Euro-Zone mit billigem Geld überhäuft wird. Viele Banken können oder wollen seitdem die Ersparnisse ihrer Kunden nicht mehr hoch verzinsen, vielerorts gibt es für Tages- oder Festgeld nur noch 0,25 Prozent. Zieht man davon die Inflation ab, schrumpfen die Ersparnisse sogar. Im Vergleich dazu wirken Angebote von zwei oder drei Prozent im Jahr mehr als verlockend.

Die meisten Einlagensicherungen – auch die deutsche – sind unterkapitalisiert
Neben dem Zinstief gibt es eine zweite Entwicklung, die die wachsende Beliebtheit der ausländischen Banken erklärt: Als Konsequenz aus der Finanzkrise hat die Europäische Union 2009 eine Richtlinie verabschiedet, derzufolge im Fall einer Bankenpleite Ersparnisse bis zu 100.000 Euro je Kunde garantiert sind. Auf dem Papier sind damit zum Beispiel 90.000 Euro, die bei der Commerzbank oder der Hamburger Sparkasse liegen, genauso sicher wie 90.000 Euro, die der Sparer einer bulgarischen, portugiesischen oder zypriotischen Bank anvertraut. "Warum sollen Kleinanleger davon nicht profitieren?", fragt Tamaz Georgadze, Chef des Internetvermittlers weltsparen.de, der die Angebote der Fibank und der Banco Espírito Santo in Deutschland exklusiv vertreibt.

Ohne das von der EU reformierte Schutzsystem würden wahrscheinlich sehr viel weniger Deutsche ihr Geld zu den "neuen Kaupthings" bringen – es sei denn, die Zinsen wären dramatisch höher als bei den hiesigen Instituten. Selbst Nicht-EU-Banken wie die russische VTB oder die türkische Denizbank nutzen die neue Gesetzeslage zu ihren Gunsten, indem sie sich einfach eine Banklizenz irgendwo in der EU besorgen. Damit fallen sie und ihre Kunden dort automatisch unter den gesetzlichen Einlagenschutz.

Das Modell scheint für Banken wie für Sparer gleichermaßen attraktiv – hat jedoch einen Haken, den viele Kunden gern übersehen: Bei der europäischen Einlagensicherung handelt es sich, genau genommen, bloß um ein EU-weit harmonisiertes Regelbuch. Der Schutzmechanismus dagegen wirkt weiter nur national: Für die Commerzbank haftet also die deutsche Sicherung, für die Fibank die bulgarische. Das kann Probleme mit sich bringen. Zwar will die EU dafür sorgen, dass die Einlagensicherungen überall nach einheitlichen Standards funktionieren, doch in vielen Ländern sind die Systeme noch jung. Ob sie robust genug sind, um die Sparer im Ernstfall – wie von Brüssel vorgesehen – reibungslos binnen vier Wochen zu entschädigen, muss sich erst noch erweisen. Oder auch, ob sie überhaupt zahlen können.

Die meisten Einlagensicherungen – auch die deutsche – sind unterkapitalisiert. Darum funktionieren viele Systeme im Ernstfall vermutlich nur, wenn der betreffende Staat einspringt. Doch kann er das? Und will er es? Die deutsche Regierung mit ihrer hervorragenden Kreditwürdigkeit ist dazu viel eher in der Lage als die bulgarische. Deren Bonität liegt nach Ansicht der internationalen Rating-Agenturen nur knapp über "Ramschniveau".

Zu diesem ökonomischen Argument gesellt sich ein politisches, das sich am Beispiel der in Wien gemeldeten, aber von Moskau aus gesteuerten VTB Direkt illustrieren lässt: Würden die österreichischen Steuerzahler für die deutschen Kunden einer russischen Bank einspringen? Laut EU-Recht wäre die Wiener Regierung dazu verpflichtet. Aber ließe sich das politisch durchsetzen? Das scheint zumindest fraglich. Trotzdem hatten deutsche Sparer allein bei der VTB Direkt Ende 2012 rund 2,5 Milliarden Euro angelegt – fünfmal mehr als einst bei Kaupthing.

"Einlagensicherung ist nicht gleich Einlagensicherung – auch im heutigen Europa nicht", sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. "Ein Sparer, für den Sicherheit das oberste Gebot ist, sollte sein Geld daher bei einer Bank anlegen, die der gesetzlichen deutschen Einlagensicherung angehört." Das ist auch bei vielen Instituten der Fall, die ursprünglich aus dem Ausland stammen, etwa der ING Diba. Unter den Banken, die der deutschen Sicherung angehören, sind durchaus einige, die attraktive Zinsen bieten. Anlegern, die es trotzdem zu einer der "neuen Kaupthings" zieht, rät Nauhauser, "das höhere Risiko einzukalkulieren" – oder es zumindest zu reduzieren: Man solle den Anlagebetrag begrenzen und auf verschiedene Anbieter verteilen.

Sind die Kunden der Fibank, der Banco Espírito Santo oder der VTB Direkt Zocker? Viele würden die Risiken gar nicht kennen, glaubt Nauhauser. Einige gehen sie aber wohl auch bewusst ein. Das Vabanquespiel muss ja nicht im Fiasko enden. In Bulgarien zum Beispiel hat sich die Lage inzwischen wieder beruhigt. In Portugal allerdings war die Lage am Dienstag weiter offen.
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